Eigentlich hatte ich vorgehabt, von San Francisco zu berichten. Von den fahrerlosen Autos, die sich lautlos durch eine Stadt schieben, nahe der das Silicon Valley seit Jahren verspricht, die nächsten Herausforderungen unserer Spezies via technologischer Innovation zu lösen. Auch das Startkapital von SpaceX, dessen Börsengang Elon Musk vor gut einer Woche auf dem Papier zum ersten Dollar-Billionär aller Zeiten machte (obgleich das Raumfahrtunternehmen Milliarden an Verlusten schreibt), stammt aus ebenjenem IT-Mekka. Wider manche Erwartung verkaufte sich der Hype rosig. Nur für die, die dort am Pier am hellichten Tage auf dem Gehweg ihren Drogenrausch ausschlafen, für die scheint offenbar keine Vision vorhanden zu sein.

Das unweit entfernte Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz, der Felsen im Meer als Symbol für Recht und Ordnung, schloss seine Pforten im Jahr 1963, weil der Betrieb fast das Dreifache einer gewöhnlichen Strafanstalt kostete. In 29 Jahren sind insgesamt vierzehn Fluchtversuche von 36 Häftlingen zu verzeichnen. 23 davon wurden noch auf der Insel oder im Wasser wieder gefasst, sechs wurden während der Flucht von den Wärtern erschossen, zwei sind nachweislich ertrunken (ihre Leichen wurden geborgen) und weitere fünf gelten bis heute als „mutmaßlich ertrunken“. Während Trump im Begriff ist, diesen historische Kerker wieder in den Dienst zu stellen, besteht der dort abgehaltene Triathlon seit 1981 unbeirrt fort.

Meine Flucht über den Pazifik war geglückt. Doch das Profidasein ist kurzlebig, und während ich vor wenigen Tagen noch die Westküste der Vereinigten Staaten zwischen Haien und Robben ansteuerte, sitze ich heute an einem dieser Orte, die hochdekorierte Schriftsteller so gern für ihren nächsten Bestseller bemühen. Auf der Terrasse sitzend lausche ich dem Atlantik und kann doch nicht verkennen, dass das Frankreich, wie es Michel Houellebecq in seinen (immerzu grandiosen) Romanen beschreibt, seinen Ursprung an anderer Stelle gefunden haben muss.

Vor acht Jahren war ich schon einmal auf dieser Halbinsel. Eine Adresse eines Hotels, mehr brauchte es nicht, und ich setzte mich in eine Kette von Schnellzügen, um dem nächsten Halt der französischen Kurzdistanz-Liga beizuwohnen. Nachdem ich in der immer gleichen Billigkette mein Zimmer bezogen hatte, tat sich nicht selten die spannende Frage auf, wer sich später, zumeist tief in der Nacht, wohl neben mich ins Doppelbett legen würde. Auch beim Frühstück war ich nervös und neugierig zugleich. Derweil ein französischer Star sein Schinken-Käse-Croissant unermüdlich in den schwarzen, in Frankreich doch meist miserablen Kaffee tunkte, türmte Kristian Blummenfelt, heute Olympiasieger und Weltmeister auf allen Distanzen, einen Berg an Pfannkuchen auf seinen Teller, der nur durch ein Wunder der Physik nicht kippte, als er diesen mit Nutella bestrich. Ein Affront für jemanden, dem am heimischen Bundesstützpunkt das Kalorienzählen gepredigt wurde.

Bis heute gibt es wenige Momente, auf die ich so stolz bin wie auf jenen, der sich in dem Rennen im Jahr 2018 zugetragen hatte. Das Schwimmniveau in Frankreich ist gnadenlos. Und dennoch ging aus ebenjener Austragung ein Foto hervor, das mich in der Spitzengruppe inmitten der Jungs von Poissy zeigt, dem FC Bayern des französischen Grand Prix. An diesen Wettkampf erinnere ich mich gerne zurück, obwohl die Zeit schon damals schnelllebig war und ich effektiv nur 48 Stunden in diesem träumerischen Städtchen am Atlantik verbrachte. In meiner diesjährigen Rolle als Support genieße ich es daher umso mehr, hier ausgiebig trainieren zu dürfen und meinen Radius erstmals über den Rundkurs und das Ibis-Hotel hinaus erweitern zu können.

Während ich hier auf der Terrasse sitze, meine Gedanken schweifen lasse und (schweren Gemüts) konstatiere, dass jenes Rennen beinahe eine Dekade zurückliegt, und damit womöglich gar der sogenannte Herbst meiner sportlichen Karriere bereits angebrochen sein könnte, frage ich mich etwas melancholisch, was eine gelungene Karriere im Ausdauersport eigentlich ausmacht. Ein guter Kollege sagte mir neulich, er wolle vor dem Ende seiner Laufbahn eine Million Euro beiseite haben. Wenigen anderen ist der Griff nach den ganz großen Titeln vergönnt. Aber was ist es wirklich, und vor allem, was ist es für mich?

Ich weite den Blick. Vielleicht, denke ich, sind es die Orte, an die mich der Sport getragen hat und an die ich ohne ihn nie gekommen wäre. Ein, aus diesen Reisen resultierender, geerdeter Blick auf das Leben, Genügsamkeit gegenüber unserer Definition von materiellem Wohlstand, Wertschätzung von Privilegien. Vielleicht aber geht es um die Stunden abseits des Wettkampfes mit Menschen, zu denen ich einst aufgesehen habe (und es hiernach immer noch tue). Oder aber das Kennenlernen einer Partnerin, die dieselbe Passion teilt, und mit der ich heute ein Leben teile.

Das Weltmeer brandet weiter, und je länger ich darüber nachdenke, desto egaler scheint es, wer wessen Karriere irgendwann als gelungen oder eben nicht bezeichnen wird. Eine klare Antwort habe ich an diesem Abend ohnehin nicht. Was ich aber habe, ist die Gewissheit, wer sich später am Abend zu mir ins Doppelbett legen wird. Und das fühlt sich gut an.