Es geschieht im Leistungssportalltag selten, dass ich beim Frühstückskaffee zur olympischen Pressemitteilung greife, aber gestern war ein solcher Tag. Das IOC hat verkündet, dass es "keine Restriktionen mehr für die Teilnahme belarussischer Athleten" empfiehlt, und in der zugehörigen Stellungnahme steht ein Satz, der eine, aus dem ansonsten diplomatisch geglätteten Funktionärsenglisch herausragend, erstaunlich klare Position formuliert: Die Teilnahme von Athleten an internationalen Wettkämpfen, so das IOC, dürfe nicht durch das Handeln ihrer Regierungen begrenzt werden, und dies ausdrücklich auch nicht im Falle eines Krieges.

Übersetzt heißt das: Wer in Minsk geboren wurde, soll für die Vergehen eines Diktators nicht von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Dem ist, so unbequem das in der aktuellen Diskussionslage klingen mag, schlichtweg zuzustimmen.

Die theoretische Begründung dafür hat der junge Autor Ole Nymoen unlängst in seinem Buch Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde mit pflichtmüder Klarheit notiert: Die Annahme, das Sicherheitsinteresse eines Staates falle notwendig mit dem seiner Bürger zusammen, sei "geradezu absurd". Bürger seien dem Staat in Friedenszeiten Humankapital, im Krieg Menschenmaterial, und die Frage, ob die eigenen Söhne (und neuerdings auch Töchter) im Schützengraben verbluten, werde mit erstaunlicher Routine an Orten entschieden, an denen niemand sitzt, der je die geringste Aussicht hätte, selbst dort zu liegen. Nymoens Buch ist eine Streitschrift gegen die Wehrpflicht, gegen das schöne Wort Kriegstüchtigkeit, das Verteidigungsminister Pistorius dem deutschen Wortschatz beschert hat, und es liest sich in diesen Tagen, in denen wir die Wiedereinführung dessen debattieren, dessen Aussetzung vor fünfzehn Jahren als zivilisatorische Errungenschaft galt, mit besonderer Dringlichkeit.

Nymoen ist seit Erscheinen seines Buches in deutschen Talkshows als Piñata herumgereicht worden. Die Vorwürfe reichten von Wohlstandsegoismus über mangelnde Differenzierung zwischen Demokratien und Diktaturen bis zur Behauptung, er habe die Lehren aus der deutschen Geschichte nicht verstanden. Manches davon ist nicht ohne Berechtigung. Sein staatstheoretischer Ausgangspunkt jedoch ist von der Polemik um seine Person zu trennen: Die Identifikation von Staat und Bürger ist eine Konstruktion, keine Naturtatsache. Und eben diese Einsicht hat nun, in einer eigentümlichen Volte, ihren Weg in die schmucklose Sprache der olympischen Pressemitteilung gefunden.

Der Schritt vom Soldaten zum Athleten ist kürzer als man denkt: Wenn Staat und Bürger nicht identisch sind, und sie sind es nicht, dann sind Staat und Athlet es ebenso wenig. Natürlich vertritt die belarussische Sprintschwimmerin, sobald sie ins Becken springt, ihr Land im technischen Sinne. Doch auf das, was in Minsk angeordnet wird, hat sie ebenso wenig Einfluss wie auf den Geburtsort, der ihr den Pass beschert hat. Genau diese Asymmetrie hatte das IOC seit 2022 mit dem Konstrukt der Individual Neutral Athletes zu überbrücken versucht, denn das gesamte olympische Ritual ist nunmal auf nationale Repräsentation hin entworfen. Ob diese Logik im 21. Jahrhundert noch zu überzeugen vermag, wäre Stoff für einen anderen Beitrag. Ob die belarussische Sprintschwimmerin im Wettkampf per se zur politischen Akteurin wird, lässt sich wiederum recht klar beantworten: Nein, das wird sie nicht.

Wenn Staat und Bürger trennbar sind, muss die Verbindung zwischen Staat und Athlet aber auch dort erklärt werden, wo sie als selbstverständlich durchgeht. Ich spreche von einem Fördermodell, das in Deutschland und einer Reihe anderer Demokratien als Normalfall gilt: Wer auf höchstem Niveau Sport betreiben will, wer also den Berufswunsch olympische Goldmedaille mit den Notwendigkeiten eines Mietvertrags versöhnen muss, dem wird nahegelegt, einen Vertrag zu unterschreiben, der ihn formal zum Soldaten macht. Sturmgewehr inklusive.

Der Athlet als Botschafter der Streitkräfte: Ein Konstrukt, dessen Logik sich beim näheren Hinsehen in jenem Untergrund auflöst, den die Pressestellen der Verbände so gern mit Leistungsstatistiken überdecken. Was genau, möchte man fragen, hat das Beherrschen einer Schusswaffe mit der Beherrschung eines Aerolenkers gemein? Und wieso ist es ausgerechnet der Wehrdienst, der jungen Menschen den Weg zur sportlichen Höchstleistung ebnen soll, nicht etwa ein gut ausgestatteter ziviler Förderfonds, der Athleten, ohne den Umweg über das Schießstandzertifikat, in die Lage versetzte, ihre Karriere zu finanzieren?

Ich gebe zu, ich bin in dieser Frage befangen. Im Herbst 2016, als neunzehnjähriger Anwärter auf eine Profikarriere, lag der Vertrag der Bundeswehr-Sportförderung auf meinem Schreibtisch. Was mich davon abhielt, zu unterschreiben, war jedoch kein heroisches Bekenntnis, sondern eine bloße Kalenderkollision, welche die ganzen Banalität einer etwaigen Biographie verdeutlicht: Ich hatte sechs Wochen Saisonpause und in dieses Fenster fielen, in elegant unauflösbarer Konkurrenz, die militärische Grundausbildung sowie ein Praktikum bei PwC, mit welchem ich mir eine zweite Karriere offenhalten wollte. Ich entschied mich für die Wirtschaftsprüfung und gegen die Anwartschaft zum Stabsunteroffizier. Daraus eine Tugend zu konstruieren wäre lächerlich, aber es scheint genau diese Art von Zufall zu sein, die einen über das System nachdenken lässt, dessen Teil man fast geworden wäre.

Russlands fortbestehender Ausschluss ist mit dem Belarus-Fall im Übrigen nicht zu verwechseln. Dieser beruht auf dem in einem Bericht von Richard McLaren aus dem Jahr 2016 nachgewiesenen, staatlich orchestrierten Dopingsystem, also auf einer institutionellen Verfehlung eines Verbandes, nicht auf einer Frage der Staatsangehörigkeit. Das IOC hat in dieser Woche, vermutlich ohne es zu wollen, eine Unterscheidung formuliert, die weiter trägt als der Fall, in dem sie ausgesprochen wurde: Dass der Zwang eines Staates und die Freiheit einer Person zwei verschiedene Dinge sind. Eine Einsicht, an der sich gerade die Wehrpflichtdebatte abarbeitet, und die der Sport bislang nur in eine Richtung anzuwenden gelernt hat.