Nach diesem Rennen werfe ich das Handtuch, beschließe ich nachts, nachdem eine Aneinanderreihung von Banalitäten, deren genaue Zusammensetzung ich schon am Morgen nicht mehr wiedergeben kann, die aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meiner gestressten Stimmungslage entspringt, in einen Streit mit meiner Partnerin mündet.
Am Morgen bleibe ich erst einmal liegen. Mir entgleitet ein sanftes Seufzen, bevor ich die Beine über die Bettkante führe, den Oberkörper aufrichte und meine Füße auf den Boden setze. Bis zum Bad sind es fünf Schritte. Der erste geht gut. Der zweite auch. Beim dritten denke ich an nichts, beim vierten an Kaffee. Dann fällt es mir wieder ein. Ich bleibe stehen, verlagere das Gewicht auf das linke Bein und hebe die Ferse an. Ein Zucken, tief unten in der Wade. Ich stelle die Ferse wieder ab und probiere es noch einmal, weil ich es beim ersten Mal nicht wahrhaben will. Es ist noch da.
Eine nüchterne Einsicht, untermalt durch einen Schulterblick: Auf dem Nachttisch liegen die Elektroden, die ich mir vor dem Zubettgehen auf die Wade gelegt hatte, auf dem Boden das mit Eis befüllte Handtuch, mit welchem ich die Schwellung in Schach zu halten gedachte. Gesund ist, wer seinen Körper vergisst. Seit Nizza vergesse ich meinen nur noch für vier Schritte.
Dort, drei Tage zuvor bei der Weltmeisterschaft, hatte sich die linke Wade auf den letzten Laufkilometern gemeldet, und zwar mit einer Beharrlichkeit, die ich, geschult in jahrelanger Praxis des Wegsehens und mit dem Kalkül eines ausgebildeten Juristen, zunächst konsequent mied. Der Physio vor Ort allerdings ließ dies nicht gelten und schickte mich, freundlich im Ton und doch unnachgiebig in der Sache, zum Ultraschall: Graue Schlieren, eine dunkle Stelle, Anriss des Soleus.
Heute, drei Tage vor meinem nächsten Triathlon, stelle ich mir auf den Zehenspitzen stehend, abermals die Frage, ob es denn vernünftig ist, den Wettkampf überhaupt in Angriff zu nehmen. Die bequemste Antwort, deren Charme vor allem darin besteht, dass sie keine weiteren Fragen zulässt, lautet: Es ist mein Muskel. Ich allein trage das Risiko.
Nur lebt man als Profisportler von diesem Muskel, und zwar auf begrenzte Zeit, weshalb jeder Start mit einem Anriss ein Risiko birgt und ein Vorgriff auf später zu sein vermag. Wer allerdings in der Nacht zuvor, aus Gründen, die einer nüchternen Prüfung kaum standhalten würden, beschlossen hat aufzuhören, für den gibt es kein Später mehr. Das, was von außen wirkt wie heroischer Trotz und damit Härte, die in diesem Sport als Tugend gilt, ist in Wahrheit Gleichgültigkeit, die den Raubbau durch das Umdeuten in Liquidation vertretbar macht.
Nach Kant bedeutet Vernunft, nach einer Regel zu handeln, die man sich selbst gibt, unabhängig von Neigung und Laune. Tugend, so schreibt Kant weiter, sei die Kraft, dieser Regel zu folgen, und setze eine Art Apathie voraus, jene Freiheit von Affekten, die einen Menschen überhaupt erst urteilsfähig macht. Auf den ersten Blick hatte ich genau das. Auf den zweiten nicht, denn Kant unterscheidet diese Apathie, die er als Stärke versteht, ausdrücklich von Gleichgültigkeit, und meine Ruhe resultierte eben nicht aus Stärke, sondern aus einem Nachhall, übrig geblieben von einem Streit, dessen Anlass ich nicht einmal mehr benennen kann.
Am Morgen des Rennens stehe ich wieder neben dem Bett. Linkes Bein, Ferse hoch. Ein Zucken, wie jeden Morgen, und mit ihm ein Gleichmut, den man sich, so viel ist inzwischen klar, nur leisten kann, wenn man mit der Sache ohnehin abgeschlossen zu haben glaubt. Ich starte, und der Soleus wird an diesem Tag nicht widersprechen, was die Entscheidung nicht richtig, nur folgenlos macht.
Der Beschluss, der mich die ganze Woche so zuverlässig gelassen gemacht hatte, hielt genau so lange, wie er musste. Ich brauchte den Rücktritt, um weiterzumachen.
