In Frankfurt nannte man es Konsenslösung. Die für die Einsatzkräfte zuständige Brandschutzbehörde hatte empfohlen, den vor Ort ausgetragenen Ironman abzusagen. Elf Jahre zuvor war bei ebenjener Veranstaltung und ähnlicher Hitze ein Teilnehmer verstorben. An Erfahrungswerten fehlte es also nicht, die Lage war übersichtlich.
Der Veranstalter verkürzte ersatzweise die Strecken: Aus 180 wurden 125 Kilometer Radfahren, aus dem Marathon ein Halbmarathon. Im Briefing quittierten das nicht wenige mit Pfiffen, und auch in der Moderation während des Wettkampfes propagierte man Eigenverantwortung. Schließlich müsse man diese ohnehin heranziehen, da man schlecht Tempolimits auf der Radstrecke verhängen könnte. Auch läge es ja auch keinesfalls im Bereich des Möglichen, das Schwimmniveau im Vorfeld von Seiten des Veranstalters abzuprüfen. Und überhaupt: Volenti non fit iniuria.
Beim Anblick der gezeigten Bilder des letztverbliebenen Kraulers im Langener Waldsee, ich gestehe ein, war ich geneigt, dieser Argumentation Folge zu leisten. Doch handelt es sich sowohl hier, als auch bei einem potentiell Stürzenden, um Einzelfälle. Die Rekordhitze am Rennwochenende aber vermochte das für die Ausnahme konstruierte Rettungssystem zu überfordern und ein stumpfes Befürworten blendet aus, dass ein Teil des Schadens auf Nichteinwilligende fallen würde: Freiwillige, Streckenposten und Rettungskräfte werden als Mittel für fremden Ehrgeiz instrumentalisiert. Oder, um Jonas zu zitieren: Bei Unsicherheit über einen irreversiblen Ausgang ist asymmetrische Vorsicht geboten. Der mögliche Gewinn (eine volle Ironman-Distanz) und der mögliche Verlust (ein Leben) stehen in keinem symmetrischen Verhältnis.
Unabhängig davon, dass die Rhetorik der Eigenverantwortung und die tatsächliche Haftungslage ebenfalls auseinander laufen, besteht auch epistemisch eine Schieflage: Mein Schwimmvermögen kann ich im Vorhinein einem Test unterziehen, ob meine Thermoregulation einer solch extremen Ausdauerbelastung bei Rekordtemperaturen im Raum Frankfurt standzuhalten vermag, das aber kann ich nur abschätzen. Weiter kann ich nicht verkennen, dass diese plötzliche Liebe zur Autonomie doch überraschend daherkommt, regelt mein Sport doch ansonsten mit großer Hingabe, in welchem Abstand ich meinem Vordermann folgen, wie viele Flaschen ich am Rad montiert haben, und wie aerodynamisch mein Vorbau sein darf.
Eigentlich ist auch ein Staat angehalten, Verantwortung zu kollektivieren. Er gewährleistet die Freiheit seiner Bürger, indem er diese vermeintlich beschneidet, und sie durch Gesetze vor Gefahren schützt. Im Kontext der Erderwärmung jedoch verweist er gleichermaßen auf den mündigen Bürger. So ist es nicht zuletzt das Kunststück eines bekannten Mineralölkonzerns, den individuellen ökologischen Fußabdruck ins Visier zu nehmen, das uns das Klima am liebsten als private Verfehlung verhandeln lässt.
Ein ähnliches Muster finden wir in der aktuellen Standortdebatte: Steigende Lohnnebenkosten werden von ausgerechnet jenen Arbeitgeberverbänden beklagt, die über Jahrzehnte dafür sorgten, dass die Löhne nicht mit dem deutschen Wirtschaftswachstum Schritt hielten, Kinderwünsche unerfüllt blieben, und dem Umlagesystem in der Folge zukünftig die Beitragszahler fehlen werden. Für Eigenverantwortung plädieren sie nicht erst seit der Agenda 2010, egal ob unverschuldet arbeitssuchend oder eine Altersrente beziehend, die kaum zum Leben reicht.
Im Windschatten zu fahren, das bedeutet, einen Vorteil in Anspruch zu nehmen, während man die Arbeit einem anderen überlässt. Es bleibt nur die Frage, wer vorne fährt…
