Acht Uhr morgens in Singapur: Der Einteiler ist schon übergestreift, auf den AirPods läuft Eminem, als ich mir am Hotelschreibtisch sitzend die Startnummern auf Arme und Beine klebe. Auf dem Display meines Smartphones warten die Nachrichten meiner Liebsten, welche mir diese während ihrer noch nicht zu Ende gegangenen Abendstunden zugeschickt hatten. Mama mahnt zur Vorsicht, mein Bruder gibt sich aufmunternd, mein Trainer wie immer knapp. Der Blick wandert hin zur Skyline dieser Weltmetropole, und ich denke mit jenem leichten Pathos, der einen in den unausgeschlafenen Stunden vor einem Wettkampf befällt: Solche Emotionen werde ich im Büroalltag wohl kaum zu spüren bekommen.
Eine durchaus erstaunliche Erkenntnis für jemanden, der wenige Monate zuvor, irgendwo zwischen Rollentrainer, Schwimmhalle und der bleiernen Schwere eines mitteleuropäischen Februars, ernsthaft erwogen hatte, das Handtuch zu werfen und sich in einem schon recht weit ausformulierten Lebensentwurf eines Großraumbüros einzurichten. Doch die Saison rückte näher, und die alte Mischung aus Selbstwertgefühl, Trotzhaltung und ungelöster Eitelkeit setzte den Plan vorerst auf Eis.
Schon der Shuttlefahrer vom Flughafen ins Hotel hatte mich Tage zuvor mit einem entschuldigenden Lächeln darauf vorbereitet, dass dieser April selbst nach hiesigen Maßstäben kein gewöhnlicher gewesen seie. Eine Auskunft, die mir mein Körper im Rennen umfassend bestätigte. Das Leistungsdelta zu meinen Trainingsdaten aus dem Frühjahrsquartier war enorm, und so fand ich mich auf den finalen Laufkilometern in einer stillen Schicksalsgemeinschaft mit Mitstreitern wieder, die nun ihre je eigenen Verhandlungen mit der Mittagshitze führten.
Wenige Wochen später gingen Bilder aus Südostasien durch internationale Redaktionsstuben, welche Schulkinder vor blanker Tafel mit elektrischen Handventilatoren zeigen. Der Krieg im Iran hatte die Tankerrouten durch die Straße von Hormus zur Lotterie werden lassen, und während wir europäischen Konsumenten uns bereits an leicht erhöhte Zapfsäulenpreise gewöhnt hatten, mussten in Manila, Dhaka und Colombo Universitäten schließen. Es wird heißer, das lässt sich kaum noch wegdiskutieren, und es wird komplizierter, sich vor dieser Hitze zu schützen, sobald Kriege Lieferketten zerschneiden.
Vor einigen Jahren hatte ich an anderer Stelle bereits versucht, mich zu meinem ökologischen Fußabdruck als reisender Berufstriathlet zu verhalten. Die Konflikte lasen sich damals noch übersichtlich: Ein Flug, eine Tonne, ein schlechtes Gewissen. Mit jeder Saison aber verkomplizierte sich die Sache. Was als persönliche Bilanzfrage begonnen hatte, mündete über die Debatten um Nord Stream und LNG-Terminals, über Vetorechte und Hafenkapazitäten in eine Verkettung von Abhängigkeiten, in der meine Reiseroute zur Schnittmenge aus Wetterdienst, Außenministerium und Reederei wurde.
Als ich Mitte März für mein erstes Saisonrennen nach Texas flog, hatte Trump gerade die iranischen Anreicherungsanlagen angegriffen. Mangels WLAN an Bord war ich der Endlosschleife der amerikanischen Nachrichtensender ausgesetzt. Unentwegt sah ich Karten mit gestrichelten Anflugrouten und kleine animierte Bombersymbole, deren reale Pendants in eben diesen Stunden über persisches Gebirge flogen.
Am Folgemorgen war ich angehalten, mich offiziell zu registrieren. In der Warteschlange in einem klimatisierten Zelt am Rande der Innenstadt schnappte ein freundlicher Mann, etwa im Alter meines Vaters, mein Deutsch auf und leitete ohne Umschweife auf das ein, was er für ein verbindendes Thema zu halten schien: Er habe seinerzeit F35-Kampfjets in Deutschland verkauft. Mit einer kurzen Handbewegung unterstrich er die Eleganz der damaligen Geschäftsabschlüsse. Ein gutes Produkt, anständige Marge, ordentliche Kundschaft.
Ich brauchte eine Sekunde. Sollte ich höflich nicken, mich für die Bündnistreue bedanken, einen pazifistischen Aphorismus aus der Hüfte schießen oder einfach schweigen, was mir mein konfliktscheues Alter Ego mit hochgezogenen Brauen einflüsterte? Bevor ich mich entschied, drückt mir die Frau hinter dem Tresen die Startunterlagen in die Hand. Der Mann wünschte ein gutes Rennen.
