Ich liebe das Radfahren. Aber es gibt wenige Dinge, die ich so sehr hasse wie das, was ihm vorausgeht. Früher streifte ich mir ein Trikot über, schnürte die Schuhe, setzte den Helm auf, und los ging es. Drei Handgriffe, vielleicht vier, dann drehte sich das Rad.
Heute lade ich am Vorabend den Radcomputer und den Powermeter, montiere bei Bedarf die Pedale um, wachse die Kette, prüfe den Reifendruck, schmiere mir Chamois Creme zwischen die Beine und Sonnencreme auf alles andere. Ich wärme mein respiratorisches System mit einem Atemtool auf, mobilisiere meinen Rücken (ich werde alt) und erwärme den Hüftbeuger gesondert, weil er mich sonst irgendwo auf der Straße im Stich zu lassen vermag (ich werde wirklich alt). Im Anschluss verinnerliche ich das Programm aus TrainingPeaks, stecke die Leistungszonen ab, ziehe die Route auf den Garmin und fülle die Flaschen mit Kohlenhydratpulver, das ich selbstverständlich abgewogen habe. Weiter stecke ich mir Gels und Riegel ein und rechne nach, auf wie viele Gramm Kohlenhydrate und Milligramm Natrium ich damit pro Stunde komme. All das geschieht, bevor sich das Rad ein einziges Mal gedreht hat.
Man könnte das für die Nörgelei eines alternden Mannes halten, der den Gels die Schuld an seiner Müdigkeit gibt. Es ist etwas anderes. Jeder dieser Handgriffe ist eine Rationalisierung. Die Waage nimmt der Verpflegung das Gefühl, der Powermeter der Anstrengung die Schätzung, TrainingPeaks dem Tag die Intuition. Jedes Instrument verspricht, eine Unsicherheit zu beseitigen, und hält dieses Versprechen. Nur entsteht mit jedem beseitigten Risiko eine neue Pflicht: Etwas, das geladen, kalibriert, abgewogen, eingelesen oder abgesteckt werden will. Die Vorbereitung auf die Effizienz unterliegt bereits selbst der Effizienz. Und es gibt keinen Grund, warum dieser Regress je haltmachen sollte.
Der Soziologe Florian Butollo fasst das Muster dahinter als Rebound. Dass Technik Arbeit einsparen kann, bestreitet er nicht, doch in vielen Fällen wird Ersparnis durch neue Arbeit konterkariert, sodass das gesamte Arbeitsvolumen nicht schrumpft, sondern in der historischen Rückschau eher wächst. Als sich in den neunziger Jahren der Geldautomat in den Banken durchsetzte, galt der Schalterangestellte als abgeschrieben. Eine Maschine erledigte seine Routine nun schneller und zudem rund um die Uhr. Und tatsächlich sank die Zahl der Angestellten pro Filiale zunächst. Nur wurde der Betrieb einer Filiale dadurch so viel billiger, dass die Banken weit mehr Filialen eröffneten und die Gesamtzahl an Schalterangestellten im Ergebnis nicht fiel, sondern stieg.
Bei mir ist das nicht anders, denn auch im Leistungssport ist ein Vorteil nur positionell: Was mich schneller macht, macht bald alle schneller, weshalb die Optimierung stets als Notwendigkeit verkauft wird und eine ganze Wertschöpfungskette aus Coaches, Laboren und Herstellern davon lebt, dass der Grenzertrag nie auf null fällt. Selbst ein Besuch im Windkanal, vor wenigen Jahren noch die absolute Ausnahme, scheint heute unerlässlich. Nicht weil er einen Vorsprung verschafft, den verschafft er niemandem mehr. Vielmehr, weil man ohne einen solchen im Vergleich zurückfällt.
Butollo nennt zwei Auswege aus dieser Spirale: Mehr freie Zeit infolge von Produktivitätsgewinnen oder die ökologisch dringend notwendige Entkopplung von Wohlstand und Wachstum. Weil mehr freie Zeit im System Leistungssport als Referenzgröße aber schlicht nicht vorkommt, bleibt nur die Entkopplung, um die ich in der letzten Ausgabe herumgeschrieben habe. Doch Entkoppeln hieße, langsamer zu werden. Und dazu bin ich nicht bereit.
