In Josh Safdies „Marty Supreme" jagt ein Tischtennisspieler im New York der Fünfzigerjahre seinem Durchbruch hinterher. Vordergründig erzählt der Film eine Aufstiegsgeschichte, genauer besehen erzählt er von einem Mangel, der präzise benannt werden will: Marty fehlt nicht Geld, ihm fehlt Kapital. Eine Unterscheidung, die älter ist als der Film. Geld wird ausgegeben und verschwindet im Konsum, Kapital ist Wert, der investiert wird, um sich zu vermehren. Weil Marty dieses Kapital fehlt, kann er sein Talent nicht entfalten. Er muss seine Lebenszeit der Beschaffung von Mitteln widmen, notfalls, indem er zur Belustigung eines Publikums gegen eine Robbe spielt. Wer kein Kapital besitzt, der verkauft Arbeitskraft.

Meinen eigenen Mangel hielt ich lange für einen an Leistungsfähigkeit. Dann kam diese Saison, und mit ihr ein Trend, der sich nicht mehr wegtrainieren lässt: Obwohl ich von Rennen zu Rennen stetig mehr Leistung trete, enteilt mir die Konkurrenz auf dem Rad. Mein Trainer hat den Widerspruch mittels modernster Technik inzwischen bestätigt: Die verrichtete Arbeit stimmt, die Geschwindigkeit nicht.

Den Rat, in das Thema Aerodynamik zu investieren, erhalte ich nicht erst seit gestern, zumeist ungefragt und stets mit demselben Duktus versehen: „Free speed” bezeichnet Geschwindigkeit, für die man nicht arbeiten muss. Und vermutlich war es genau dieses Versprechen, dem ich so lange misstraute. Schließlich bin ich zu allererst Athlet, und ein Athlet verdient sich sein Tempo, Stunde um Stunde, Intervall um Intervall.

Die Begriffe des Films aber sortieren den Fall anders: Watt bezahle ich in Trainingsstunden, und sie verlieren ihre Wirkung, sobald ich die Zahlungen einstelle. Ein niedriger Luftwiderstand dagegen ist Kapital. Einmal erworben, arbeitet er in jeder Rennminute mit, ohne dass ich eine weitere Stunde nachschießen müsste. „Free Speed” ist leistungsloser Ertrag, und doch will ich nicht verschweigen, dass Windkanäle Preise aufrufen, die dieses Ethos bislang nie ernsthaft auf die Probe gestellt haben. Denn ja, meine Haltung war auch eine Ausrede zu Gunsten meiner betriebswirtschaftlichen Jahresauswertung.

Was aber tut, wem das Kapital fehlt und wem die Mehrarbeit nichts einträgt als die nächste Partie gegen eine Robbe? Der amerikanische Profi Trevor Foley hat darauf eine Antwort gegeben. Anfang 2023 kam er mit 150 Dollar nach Tucson. Er eröffnete rund zehn verschiedene Kreditkartenkonten und häufte binnen eines Jahres 45.000 Dollar Schulden an. Für Material, Miete und Trainingsgebühren. Nach dem Training fuhr er nachts Essen aus, um die Mindestraten zu bedienen. Foley lieh sich das Kapital, das ihm fehlte, und verwettete es auf den eigenen Körper.

Knapp zwei Jahre später, kurz vor dem Ironman Hawaii 2024, tilgte er die letzte Karte. Heute bezeichnet er jenes Kapitel als eine Wette auf sich selbst. Eine Formulierung, die ehrlicher ist als das Wort, das die Ökonomie dafür bereithält. Denn eine Investition ist eine Kategorie, die erst der Ausgang vergibt. Ex ante ist sie von der Wette nicht zu unterscheiden. Und weil die gescheiterten Wetten keine Videos drehen, sondern Privatinsolvenz anmelden, erzählt der Sport ausschließlich die Geschichten, in denen aus G tatsächlich G' wurde.

Nun also soll ich Investor werden, in eigener Sache. Im Film tritt ein Fabrikant auf, der behauptet, er sei 1601 geboren, ein Vampir. Man kann den Satz als Spuk abtun. Man kann ihn aber auch als Definition lesen: Unsterblich ist nicht der Kapitalist, unsterblich ist das Kapital, das seit Beginn der Neuzeit von Verwertung zu Verwertung zieht und kein Ankommen kennt. Mein Anlagegut kennt eines. Es wird langsamer werden, gleichgültig, wie viele Trainingsstunden ich nachschieße. Es bleibt nur die Frage, was Investieren bedeutet, wenn die Laufzeit des Anlageguts von Beginn an begrenzt ist.